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Grundschule
Nicht unter „Halbsprachigkeit“ leiden

27.11.2012 | 16:34 UhR
Türkischer Elternverein: Veranstaltung an der Freiherr-vom-Stein Schule in Sundwig

 

Hemer. Islamkunde und herkunftssprachlicher Unterricht werden an der Freiherr-vom Stein-Schule schon seit langem groß geschrieben. In Kooperation mit dem türkischen Elternverein werden muslimische Kinder in Islamkunde und Kinder mit türkischem Migrationshintergrund in der türkischen Sprache unterrichtet. Dabei sind beide Unterrichtsformen voneinander zu unterscheiden, wie auch beim Elternabend des türkischen Elternvereins am Montagabend erklärt wurde.

Der Islamkundeunterricht wird in deutscher Sprache erteilt, da nicht alle muslimischen Kinder auch zwingend türkischer Herkunft sind. „Seit diesem Schuljahr ist der Islamkundeunterricht an unserer Schule kein Pilotprojekt mehr, sondern in ganz Nordrhein-Westfalen vorgeschrieben“, erklärte auch die kommissarische Schulleiterin Marie-Theres Bauer. Islamkunde werde neben dem katholischen und evangelischen Religionsunterricht gelehrt, befinde sich aber derzeit noch im Aufbau. Es stehen noch nicht genügend ausgebildete Lehrkräfte für das Fach zur Verfügung. Seit einiger Zeit musste der Unterricht sogar krankheitsbedingt ausfallen.

Im Rahmen des Elternabends konnte aber ein neuer Lehrer für Islamkunde vorgestellt werden. Mahmut Uslu wird ab sofort in jedem Jahrgang kleinere Gruppen von 15 Kindern einstündig pro Woche unterrichten.

Thema am Abend war aber vor allem der herkunftssprachliche Unterricht (HSU) für türkische Kinder. „Wir wollen Kinder in ihrer Bildung unterstützen und begleiten. Wir sind auch bereit bei Schwierigkeiten zu helfen“, erklärte Aybeniz Ilgin vom türkischen Elternverein. Sie hatte sich besonders für den herkunftssprachlichen Unterricht eingesetzt, auch über die Freiherr-vom Stein Schule hinaus. Konkretes Problem: Kinder, die zweisprachig aufwachsen, leiden häufig unter einer „Halbsprachigkeit“. Weder die eine, noch die andere Sprache kann als Muttersprache angesehen werden und so können die Kinder beim erlernen von Wörtern und Begriffen auf keine Vorstellung zurückgreifen. Diese „Halbsprachigkeit“ soll durch ergänzenden Unterricht in der Muttersprache ausgeglichen werden. „Erst müssen Kinder ihre Muttersprache beherrschen, bevor sie deutsch lernen können“, hieß es am Abend. Beim herkunftssprachlichen Unterricht erlernen Kinder sowohl das Sprechen, als auch das Schreiben.

An der Freiherr-vom Stein Schule musste der HSU (ebenfalls krankheitsbedingt) eine Zeit lang ausfallen. Der Verein stellte Lehrer zur Verfügung, um den Unterricht an Sonntagen aufzuholen. Ab sofort wird aber Mahmut Uslu den HSU übernehmen. 37 Anmeldungen liegen bereits vor, weitere könnten noch folgen. Für andere Schulen müssen entsprechende Anträge noch beim Schulamt gestellt werden. Mindestens zwölf Kinder türkischer Herkunft an Grundschulen, 18 an weiterführenden Schulen müssen nachgewiesen werden, damit das Schulamt einen Lehrer abstellt und einen entsprechenden Unterricht einrichtet. Der Verein türkischer Eltern engagiert sich aber dafür, dass der HSU bald auch an anderen Schulen zum Einsatz kommt. Falls Anträge nicht genehmigt werden, oder nicht gestellt werden können, wird auch darüber nachgedacht, Kinder von anderen Schulen am HSU an der Freiherr-vom Stein Schule teilnehmen zu lassen. In diesem Fall müsse der Unterricht dann vermutlich nachmittags stattfinden.

Zülfü Gürbüz, seit 15 Jahren Lehrer für Türkisch an der Märkischen Schule, machte ebenfalls deutlich, wie wichtig es für die Kinder sei, die Muttersprache zu beherrschen: „Die Kinder dürfen nicht zwischen zwei Stühlen sitzen“. Er erklärte außerdem, dass die erlernte Muttersprache zertifiziert werde und somit als Nachweis für die Fähigkeit der Sprache in Wort und Schrift gelte. Der Vorsitzende des Vereins, Servet Ercoskun, appellierte zudem auch an die Eltern, zusammenzuhalten und ihre Kinder zu unterstützen.

Die Sundwiger Schule, eine „Multi-Kulti-Schule“, wie Schulleiterin Bauer bemerkte, kam vor zwei Jahren auf 25 unterschiedliche Nationen und gilt nun in enger Kooperation mit dem türkischen Elternverein auch wieder als Vorreiter bei der Islamkunde und beim herkunftssprachlichen Unterricht.

Von Dana Schmies

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